Fünfeinhalb Stunden dauert die Fahrt mit dem Zug von Rom nach Lecce – und von dort nimmt man eine Bummelbahn, die in die Vergangenheit fährt. Auf dem Weg in den Salento ertappen wir uns dabei, dass wir ständig sagen: Das ist ja wie früher.

 

Ab in den Süden

Mit der Bummelbahn durch den Salento.

 

600 Kilometer sind es von Rom bis dahin, wo Italiens Stiefelabsatz beginnt. Fünfeinhalb Stunden im Schnellzug „Frecciargento“, dem silbernen Blitz, bei dem die Sitzplätze, die wir mühevoll im Internet aus dem Restangebot zusammengesucht hatten, gleich mal hinfällig sind. Statt der gegenüberliegenden Sitze finden wir die Reservierung für zwei Sitze, die Rücken an Rücken stehen.

Im ersten Moment ärgerlich, im zweiten aber irgendwie beruhigend. Denn wo, hatte ich mich schon gefragt, ist denn das liebenswerte, chaotische Italien geblieben? Die allermeisten Züge fahren pünktlich ab, kommen pünktlich an, keine Leute auf Koffern vor den Toiletten, die Toiletten fast bis ans Ende der Fahrt benutzbar, ja sogar mit Klopapier. Also ein bisschen was darf – ja muss – doch in diesem Zug in den Süden schief gehen.

Wir setzen uns auch ohne passende Reservierung auf zwei gegenüberliegende Plätze und kommen unbeanstandet in dem vollbesetzten Zug in Lecce, Apuliens berühmter Barockstadt, an.

Jeder Italiener, dem wir erzählten, wir fahren nach Apulien, kam augenblicklich ins Schwärmen. Oh wie schön. Apulien. Das Meer. So klar. Die Menschen. Das Essen. Und Lecce. So schön. Der Barock. Der Dom. Das Amphitheater. Wunderbar.

Wir planen die barocke Stadt für den Rückweg ein und wechseln auf dem Hinweg in Lecce nur den Zug. Will man noch weiter den Salento runter,  muss man hier nämlich umsteigen. Mit Trenitalia, wie die italienische Eisenbahn heißt, ist Schluss. Ab hier nimmt man die FSE, die Ferrovia del Sud Est, die Eisenbahn Südost, ein Privatunternehmen, das dafür sorgt, dass der Süden nicht von der Welt abgeschnitten ist.

Und am Bahnhof von Lecce beginnt früher.

Die Fahrkarten für unseren Trip in den Süden kaufen wir uns am Ende des Bahnsteigs 1, im Kassenhäuschen der FSE. Wir spazieren vorbei an rauchenden alten Herren mit Schiebermützen. Sie sehen aus, als ob sie schon immer hier sitzen: Frauen gucken und Kommentare absetzen. Wie früher eben.

Der Schalter im Kassenhäuschen ist leider geschlossen. Hinweis auf einem angeratzten Zettel: Bitte kaufen Sie sich eine Fahrkarte am Automaten. Vergessen Sie nicht, diese zu entwerten. Sollte der Entwerter nicht funktionieren, tragen Sie bitte selbst mit einem Stift Datum und Ort der Abfahrt auf der Fahrkarte ein. Und gleich daneben noch ein Hinweis: Neue Fünf-Euro-Scheine nehme der Automat nicht an …

Unser Zug Richtung Süden: Zwei Waggons, kurz wie eine Spielzeugbahn, bei dem das Kind schon die Hälfte verloren hat, die Fenster nach unten geschoben, damit wenigstens der Fahrtwind erfrischt. Braune Kunststoffsitze, auf denen die nackten Beine kleben bleiben, die Koffer schweben über dem Kopf in silbernen Ablagegitter – wow, mit so einem Zug bin ich vor 30 Jahren in die Schule gefahren. Einzig die knöchelhohe Heizung mit dem Waffelmuster, aus der warme Luft nach oben blies, fehlt hier. Aber eine Heizung braucht im Süden Italiens auch keiner.

 

Nostalgie pur - Züge wie früher ...

Nostalgie pur – Züge wie früher …

 

Unterwegs in diesem Früherzug fahren wir vorbei an winzigen Ortschaften, halten an grüngestrichenen Bahnhöfen mit kurbelnden Herren in weißen Hemden. Wie früher kurbeln sie die rot-weißen Schranken an den Bahnübergangen nach oben oder nach unten. Einige winken uns bei der Abfahrt zu. Wir winken zurück und rattern weiter gen Süden. Ratter. Ratter. Ratter. Wie früher. Wie früher. Wie früher.

Der Kontrolleur kommt, mit Schaffnermütze und einem Locher ausgestattet und entwertet unsere bereits entwerteten Fahrkarten. Wir strecken die Köpfe aus dem Fenster in den Fahrtwind. Wie früher. Wann haben wir das zum letzten Mal gemacht? Einfach so. Weil es Spaß macht und die Haare im Wind so herrlich flattern. Wie der orange Vorhang – ganz Retro-Look – vorne im Abteil. Auch die Hand des Lokführers hängt aus der Führerkabine, weil‘s lässig aussieht oder weil‘s kühlt? Vermutlich ersteres. Wir sind im Süden!

Wir bestaunen im Vorbeirattern die ersten apulientypischen Trulli. Trulli sind runde Häuschen aus Naturstein, die auf den Feldern errichtet wurden, um die Bauern im Sommer gegen die Hitze zu schützen und im Winter gegen die Kälte.

Um die Trulli herum: Olivenbäume, Olivenbäume, Olivenbäume. Die Haine so sauber und aufgeräumt. So rot die Erde. Die Blätter glitzern silbern im Wind. Am liebsten möchten wir aussteigen, eine karierte Picknickdecke ausbreiten, uns niederlassen und an einem guten Rotwein nippen. Aber wir steigen nicht aus, wir fahren weiter. Wir fahren nach Tricase. Genauer gesagt nach Tricase Porto. Ein winziges Hafenörtchen ganz am Ende von Italien. Von hier sind es nur wenige Kilometer übers Meer nach Albanien und ein paar mehr nach Ägypten.

 

Ankunft in Tricase.

Herrlich entspannt: Ankunft in Tricase.

 

Am Bahnhof von Tricase sind wir die einzigen, die aussteigen. Auf uns wartet bereits Signor Pasquale. Er holt uns ab, denn Tricase Porto liegt drei Kilometer vom Bahnhof entfernt. Wir lernen schnell: Ohne Auto eine unüberwindliche Entfernung – der Bus fährt höchstens einmal am Tag und Taxis gibt es keine. Und das nicht nur nicht in der Nebensaison.

Tricase Porto hat genau 269 Einwohner. Die Bar am Hafen sieht aus wie aus einem 60er Jahre Film. Die Kinder, die von der Hafenmauer in das türkisblaue Wasser springen, die Pastel-Farben der vor sich hin dümpelnden Boote im Hafen, das Schloss am winzigen Sandstrand, die Häuser, die Villen und Paläste: Alles wie früher. Und die Zeit. Ist da, im Überfluss. Wir genießen, entspannen. Eine Woche lang nur: Schlafen, essen, schwimmen, lesen, lesen, schwimmen, essen, schlafen.

Wir wollen nicht mehr weg. Und bleiben noch eine Nacht und noch eine. Doch irgendwann müssen wir dann doch den Süden, das Meer und Tricase Porto verlassen. Aber wie sagt Signor Pasquale, der uns zurück zum Bahnhof fährt? „Nur wenn ein Urlaub zu Ende geht, kann auch ein neuer kommen.“ Stimmt. Nach Tricase möchten wir unbedingt wieder kommen und hoffentlich ist dann alles noch – wie früher.

Infos, Tipps, Anreise unter der Bildergalerie!

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Apulien – Salento

Der (oder auch das) Salento liegt im südöstlichsten Teil Italiens und gehört zur Region Apulien. Lecce, Brindisi und Otranto sind die wichtigsten Städte.

Wohnen – Tipp

Das B&B Borgopescatori wird von der Schweizerin Margherita Flück geführt und steht etwa 60 Meter oberhalb des Hafens. Von hier hat man einen herrlichen Meerblick. Das Haus hat fünf Zimmer mit Balkonen und Meer- oder Gartenblick. Die Zimmer sind schlicht, die Betten bequem. Drei Zimmer haben ein eigenes Bad, zwei Zimmer teilen sich ein großes Badezimmer. Preis ab 40 Euro / Nacht.

Das Highlight ist der „Salotto“, ein großer Raum mit Balkon und Meerblick, der allen Gästen zur Verfügung steht.

Auf Wunsch (und Vorbestellung) serviert Frau Flück ein leckeres Frühstück aus regionalen Zutaten (8 Euro). Auch Abendessen ist möglich.

Alle Infos, Reservierung und Anreise unter www.borgopescatori.eu

Essen gehen

Sehr gut: Fischrestaurant Ittiturismo Anime Sante. Vorbestellung ist unbedingt notwendig. Am Hafen.

Info Trulli

Mehr über Trulli erfahren: de.wikipedia.org/wiki/Trullo

Hinkommen

Mit dem Zug: Aus dem Norden ist Lecce per Zug sehr gut zu erreichen. Von Lecce nach Tricase Porto sind es nochmal 50 Kilometer Richtung Süden. Man fährt mit der FSE bis zum Bahnhof Tricase (1,5 Stunden mit der Bahn). In Tricase empfiehlt sich ein Abholservice.

www.trenitalia.it

www.fseonline.it

Mit dem Auto immer Richtung Süden zum östlichen Stiefelabsatz hinunter.

 

Fotos: Silvia Cavallucci
Foto Feigen: Joe Cavallucci
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3 Responses to Ab in den Süden: Von Rom in den Salento

  1. Thies sagt:

    Toller Artikel! Zwischen Sommersehnsucht und leicht bissiger Ironie (inkl. Bildunterschriften) – genau das Richtige für den kalten Herbsttag in Berlin!

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