Was wissen wir in Deutschland eigentlich über die Krise in Italien? Wer spricht von den Menschen, die ihre Wohnung verlieren? Von den Jugendlichen, die keine Arbeit finden und ins Ausland gehen? Was erfahren wir von den Familienvätern, die gegen ihre plötzliche Kündigung demonstrieren?

 

Italien in der Krise

Oft sind die Auswirkungen der Krise erst auf den zweiten Blick sichtbar.

 

Was wissen wir wirklich davon, wie Italien die Krise erlebt? Wir erfahren das, worüber die Medien berichten: Politik, Berlusconi, Korruption … über die Menschen erfahren wir wenig.

Wer als Tourist nach Rom kommt, merkt vermutlich nicht viel von einer Krise. Gerade im Zentrum läuft scheinbar alles normal. Menschen gehen einkaufen, die Restaurants sind gut besucht, das Geld scheint da zu sein. Das ist es auch, aber nur bei einem geringen Teil der Italiener.

Es gibt Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Menschen „ohne festen Wohnsitz“, des Nachts, in Hauseingängen, vor Ladengeschäften, tagsüber, mit Decken, Tüten, Koffern. Auffallend viele wenn man genauer hinschaut. Wohin, wenn man die Wohnung nicht mehr bezahlen kann, keine Arbeit hat, kein Geld. Viele davon sind ältere Menschen. Vor kurzem sah ich eine alte Dame im Eingang eines Geschäfts auf Kartons liegen. Sie las. Weil es nicht zog und hier Licht war? In einer Ecke weiter hinten saß ihr Ehemann auf einem Poller, die Habseligkeiten in kleinen Packen um sich herum, und passte auf.

Viele Jugendliche sind arbeitslos

In Italien gibt es kein Hartz IV und keine soziale Absicherung. Wer fällt, der fällt. Wer Familie hat, wird vielleicht aufgefangen, aber die Familienbande verhindert auch Entwicklung, gerade bei den Jungen, bei denen so viele noch mit Mitte 30 zu Hause wohnen. Gefangen im Hotel Mama.

Über 40 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos und wissen nicht, was tun. Jede Regierung verspricht, neue Arbeitsplätze zu schaffen, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Doch bisher waren dies nur Phrasen, getan hat sich in den letzten Jahren nichts. Die Gewalt in der Stadt nimmt zu und gerade Trastevere ist abends zum Jugdendtreff geworden, Schlägereien häufen sich. Wohin mit dem Unmut, der ungewissen Zukunft.

Viele junge Menschen haben studiert und möchten arbeiten. In Italien aber gibt es keine Jobs. Deshalb gehen sie nach England oder Deutschland, das erinnert an die 1950er Jahre, als die große Migration begann. Waren es damals fast nur Arbeiter, die ihr Glück (und Geld) im Ausland erhofften, sind es heute gut ausgebildete Menschen, die ihr Wissen in die Welt hinaustragen. Und damit weg von Italien.

Mut und Verzweiflung in der Krise

Einigen von denen die bleiben und auf eine Chance hoffen, werden kreativ und nehmen ihr Leben in die Hand. In Rom, besonders im Stadtteil Monti, eröffnen tolle Läden. Mode, Bars, Ideen mit Stil und Mut. Mit den Italienern selbst ist allerdings gerade wenig Geschäft zu machen. Selbst die großen Ketten in der Via del Corso sind jetzt im Schlussverkauf noch immer voll mit Winterware. Zum Glück kommen in Rom noch Touristen, die etwas Geld bringen. Doch von den Busladungen voll mit Menschen, die in Massen durch die Gassen strömen und ihr eigenes Mittagessen mitbringen, profitiert in Rom niemand. Etwas abfällig werden sie als die Billig-Touristen bezeichnet.

Viele Menschen sind verzweifelt. Ein Mann hat sich in Rom vor dem Parlament angezündet, ein anderer hat sich umgebracht, weil sie die Steuern nicht bezahlen konnten. Warum hören wir in Deutschland nichts oder nur ganz am Rande von diesen Schicksalen? Weil Berlusconi eben auch bei uns unterhaltsamer ist?

Geschäfte und Betriebe schließen

Die Menschen in der Krise machen doch das Ausmaß einer Krise sichtbar, greifbarer für die anderen. Auch diese Menschen gehören dazu: In einem Betrieb in Norditalien wurde den Arbeitern von einem Tag auf den anderen gekündigt. Mit Bildern, die ihre Kinder gemalt hatten, standen sie vor den verschlossenen Betriebstoren. Auf den Bildern manifestieren sich die Ängste der Familien: Was sollen wir essen, wenn Papa keine Arbeit mehr hat, war zu lesen. Im Jahr 2013 wurden in Italien 111.000 Unternehmen geschlossen.

Vor kurzem stand ich vor einem Geschäft in der Nähe der Via del Corso, nah am Schaufenster, um eine gute Perspektive für ein Foto zu bekommen. Kaum stand ich da, kam die Besitzerin des (sehr kleinen) Ladens erbost heraus, um mir deutlich zu sagen, dass ich da nicht stehen könne. Denn wenn ich davor stünde, könne ja kein Kunde den Laden sehen. Als sie sich etwas beruhigt hatte, murmelte sie ein „der Laden sei eben das einzige, was sie habe“ hinterher.

Italien ist schwer marode. Die Regierung, die Straßen, die Gebäude, die Wirtschaftslage, die Lebenssituation der Menschen. 80 Prozent der Römer leben in den Randgebieten. Dort schaut keiner mehr so genau hin, denn dort steht kein Kolosseum.

Veränderung ist angesagt

Natürlich gibt es in Italien auch eine andere Seite: Wie die Repubblica berichtete, erscheinen in Rom 19 Prozent der städtischen Angestellten einfach nicht zur Arbeit. Keiner weiß so richtig, wo sie sind, manche melden sich krank, andere nicht. Das heißt, jeder fünfte Angestellte, macht so ziemlich, was er will und bekommt trotzdem sein Geld.

Viele Italiener kritisieren nicht nur deshalb ihre eigenen Landsleute. Sie sagen, dass viele sich eben eingerichtet haben, dass auch in Rom viele Geschäfte und Restaurants noch so aussehen, wie vor 30 Jahren. Dass viele Angst vor der Veränderung haben, aber ohne Veränderung auch nichts Neues passiere. Zur Veränderung gehört Mut der Menschen, aber auch Mut, der von ganz oben kommen muss. Ob der neue Regierungschef Renzi dem Land zur Veränderung verhelfen kann, bleibt abzuwarten. Seine vermeintliche Omnipotenz kommt einem bekannt vor. Und so ist hier und da auch schon die Rede vom „Baby-Berlusconi“ …

Aber, trotz aller Tristezza: Die Italiener sind lebensfroh und Lebenskünstler. Man organisiert sich, wurstelt sich durch, immer aufrecht und mit Hoffnung, dass es besser wird. Allerdings ist es für das Land und seine Menschen höchste Zeit, aus dieser Krise herauszukommen. Hoffen wir, dass das bald gelingt.

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