Der Galerist Enrico Todi war nicht nur Marcello Mastroiannis Sekretär sondern auch eng mit ihm befreundet. Er saß mit Sophia Loren Hand in Hand auf dem Sofa und weiß, wie es wirklich war mit dem dolce vita. Lieblingsplatz: Piazza del Popolo.

 

 

Ich treffe Enrico Todi in seiner Galerie in der Via Margutta. Signor Todi ist 83 Jahre alt, ein gentiluomo – ein Mann von Welt, der viel erlebt hat. Das Sprechen über vergangene Zeiten macht Signor Todi nachdenklich und mich ganz gerührt.

 

Signor Todi, Sie haben das dolce vita der 1960er Jahre in Rom erlebt. Was war denn das vielgerühmte süße Leben?

Wenn die Leute dolce vita hören, denken Sie immer, dass das eine Zeit der Orgien war, dass es nur darum ging, miteinander ins Bett zu gehen. Das stimmt so aber nicht.

Nach dem zweiten Weltkrieg herrschte in Italien großes Elend. Ganze Städte waren zerstört und mussten wieder aufgebaut werden. Rom gehörte nicht dazu, Rom war nicht bombardiert worden, aber es fehlte auch hier an allem.

Mit der Ankunft der Amerikaner änderte sich das Leben von traurig zu „dolce“, es wurde süß. Wir begannen auszugehen, italienische Mädchen trafen sich mit amerikanischen Jungs. In dieser Zeit gab es viele Liebesgeschichten zwischen Amerikanern und Italienern. Wir fingen an zu leben. Wir tanzten, hörten Musik … Das war das dolce vita.

Die Leute kamen Schritt für Schritt aus der Angst und der Restriktion heraus und  kehrten zu einem normalen Leben zurück.

Der Name, diese Fabel, kam später durch den Film von Federico Fellini, La dolce vita. Er hat diesen großen Namen kreiert.

In La dolce vita geht es um das Leben im Rom der 1950er Jahre und veränderte für Sie alle das Leben.

1960 brachte Fellini den Film heraus und Rom und Cinecittà wurden zu Hollywood.

Alle bekannten Schauspieler kamen nach Rom: Richard Burton, Robert Tayler, alle. Und der große Treffpunkt war die wunderbare Via Veneto.

Ihre Galerie befindet sich in der Via Margutta, eine ebenfalls wunderbare Straße in der Altstadt Roms. Was hat diese Straße mit dem dolce vita zu tun?

Die Via Margutta war schon immer eine Straße der Kunsthandwerker, Maler, Bildhauer und Dichter. Als 1953 der Film Roman Holiday von Tony Wyler erschien, wurde die Via Margutta bekannt als Straße der Maler. Eine Szene im Film wurde in einer Wohnung der Hausnummer 51 gedreht. (Die Wohnung in die Joe Bradley Prinzessin Ann mitnimmt, den Hinterhof kann man betreten!)

Federico Fellini wohnte in dieser Straße. Wir haben an seinem Wohnhaus in der Via Margutta 110 eine Gedenktafel anbringen lassen.

Ich hatte einmal in Japan eine Ausstellung organisiert und als die Japaner den Namen „Via Margutta“ hörten, waren sie ganz aus dem Häuschen. Die Via Margutta ist eine Marke, so wie Montmartre in Paris.

 

 

Was verbindet Sie persönlich mit der Via Margutta?

Ich bin in der Via del Corso geboren, einer Parallelstraße der Via Margutta und kenne diese also sozusagen seit meiner Geburt.

Mit der Galleria Vittoria sind wir Mitte der 70er Jahre in die Via Margutta gezogen. Die Galerie gründete mein Onkel bereits 1906 in der Via Vittoria, deshalb der Name Galleria Vittoria. Mein Onkel verkaufte Kunst und Möbel in die ganze Welt. Ich war oft bei ihm und mir gefiel diese Arbeit, so dass ich die Galerie weiterführte.

Ich erinnere mich gut an die Zeiten, als wir abends unsere Tische und Stühle auf die Straße stellten und alle zusammen aßen. Jemand holte etwas zu trinken, jemand etwas zu essen. Man traf sich. Wir lebten in dieser Ecke und hier gingen wir auch aus. Wir hatten ja keine Autos, um irgendwohin zu fahren.

Sie waren fast 40 Jahre lang Sekretär von Marcello Mastroianni. Wie wird man Sekretär von Mastroianni?

In erster Linie war ich die Vertrauensperson der Familie. Ich arbeitete bereits für seinen Onkel, Umberto Mastroianni, einen berühmter Bildhauer. Ich war Umbertos Agent, organisierte seine Ausstellungen. Und so kam es, dass ich auch für Marcello arbeitete.

Wie war es, für ihn zu arbeiten?

Ich habe ja nicht nur für ihn gearbeitet, wir waren auch Freunde. Er hat mich in meiner Arbeit für die Galerie unterstützt, hat Kontakte hergestellt. Dank Marcello war ich immer von schönen Frauen umgeben, kam mit interessanten Menschen zusammen. Das einzige was er mir verboten hatte, war, Kino-Filme zu machen.

 

 

Auf diesem Foto sitzen Sie Hand in Hand mit Sophia Loren, links auf dem Foto ist Marcello Mastroianni zu sehen. War das damals etwas Besonderes für Sie, berühmte Regisseure und Schauspieler zu kennen?

Auch Künstler sind nur normale Leute, leben ein normales Leben. Sie unterscheiden sich dadurch, dass sie bekannt sind. Marcello zum Beispiel konnte nicht einfach in eine Apotheke gehen und Aspirin kaufen, wenn er Kopfschmerzen hatte, denn dann stand das am nächsten Tag in der Zeitung.

Marcello Mastroianni starb am 19. Dezember 1996.

Er war ein großartiger Mensch.

Sophia Loren, Richard Burton, Marcello Mastroianni. Mit wem würden Sie gerne noch mal einen Abend verbringen?

Mit Marcello. Wir haben viel Schönes erlebt, aber er war sehr distanziert.

Sie leben seit 83 Jahren in dieser Stadt. Was ist Rom für Sie?

Rom ist ein alter Schuh, den jeder trägt und es sich darin gemütlich macht. Man kann viel damit laufen und man genießt es. Ein schöner alter Schuh.

Man kann auch sagen: Roma e una flebo di vita. Rom ist eine Lebensinfusion. Das spürt man deutlich, wenn man mit einer angenehmen Person an seiner Seite spazieren geht  … Rom hat seine ganz eigene Faszination.

Welches ist Ihr Lieblingsplatz?

Die Piazza del Popolo, ein wunderschöner Platz. Man sieht bis zum Pincio und zur Villa Borghese.

Ich war Stammgast im Café Canova, das direkt an der Piazza del Popolo liegt. Wenn ich nicht in der Galerie war, saß ich an einem Tisch im Canova. Das Canova und ich waren wie eine Familie.

Es gibt keinen schöneren Platz in Rom als die Piazza del Popolo.

Tipp

Enrico Todi organisierte bald nach Fellinis Tod eine Ausstellung zu Fellinis Leben und Filmen. Die Ausstellung ist im Café Canova zu sehen.

Hinkommen: Mit der Metro A bis Spagna und dann Richtung Piazza del Popolo oder Metro A bis Flaminia, dann die Piazza del Popolo überquereren.

Mehr zum Canova und der Piazza del Popolo (auch auf deutsch): canovapiazzadelpopolo.it

Galerie Vittoria

Die Galleria Vittoria ist eine Galerie für zeitgenössischer Kunst in der Via Margutta 103.  „Wir adoptieren unsere Künstler“, sagt Tiziana Todi, die gemeinsam mit ihrem Vater die Galerie führt. Gerade planen sie eine Ausstellung in Japan.

Web: www.galleriavittoria.com

Hinkommen: Metro A bis Spagna oder Flaminia: siehe google.maps

Mehr zur Via Margutta

Eine unglaubliche Straße: Ein Gespräch mit Sandro Fiorentini

 

 

Foto Marcello Mastroianni, Sophia Loren, Enrico Todi: Mit freundlicher Genehmigung von Enrico Todi
1 Comment On This Topic
  1. venedig treviso hotels
    5 years ago

    Erstaunlich Persönlichkeit! Danke, dass Sie uns diesen schönen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.