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Rom ist nicht Paris. Und doch kann man sich nicht so ganz freimachen von den Gedanken an Paris, wenn man in diesem „Heiligen Jahr“ durch die Stadt geht. Viel Polizei, viel Militär, viele Kontrollen. Wie man damit umgeht? Am besten wie die Römer.

 

Seit Beginn des „Heiligen Jahres“ im Dezember 2015 und den Anschlägen in Paris, gehören Polizei und Militär in Rom zum Stadtbild dazu.

Wenn man jeden Morgen die gleiche Soldatin und den gleichen Soldaten vor der Internationalen Schule auf dem Aventin trifft, wechselt man schnell zwei, drei Sätze miteinander, ah, buongiorno, oggi fa freddo – heute ist’s kalt … und fühlt sich vertraut. Unser Freund F., der neben der Schule wohnt, bringt den Wachhabenden regelmäßig einen Espresso mit aus der Bar an der Ecke. Plaudert mit ihnen, tauscht Handy-Nummern aus und sieht darin eine Bereicherung seines Alltags. Man könnte sagen: Typisch italienisch, aus der Not eine Tugend gemacht und Spaß dabei.

Ein paar Schritte weiter an der Metro stehen die nächsten Einsatzkräfte. Sie starren reichlich desinteressiert vor sich hin und halten ihre MG im Arm. Ich frage mich: Können sie wirklich helfen, sollte etwas in der Metro passieren? Immerhin sind sie gleich da, sagt jemand, und sie können abriegeln, falls das nötig sein sollte. Stimmt. Ist auch irgendwie beruhigend.

Was uns Erwachsene aber beruhigen kann, klappt bei Kindern nicht unbedingt. Wir können das Geschehen eher einordnen, die Gefahr einschätzen, auch wenn wir das, was in Paris und auf der Welt im Namen des Islams im Moment geschieht, nicht wirklich verstehen. Die Gefahr, dass uns etwas passiert, so glauben, hoffen, denken wir, ist trotz allem gering.

Kinder sehen und fühlen die Gefahr unmittelbarer. Sie sehen im Fernsehen oder im Internet Gewalt, hören im Schulhof von Anschlägen und Terror, die auch Erwachsene hilflos werden lässt. In Rom sehen auch sie die vielen Soldaten, bekommen mit, wie der Vatikan im Heiligen Jahr vor Terror geschützt werden soll: Flugverbote über der Stadt, jeder und jede die sich dem Petersdom nähert wird kontrolliert, am Eingang finden Taschen- und Personenkontrollen statt wie am Flughafen.

Eine römische Mutter erzählte, dass sie mit ihrem 10-jährigen Sohn an Weihnachten zum Petersdom gehen wollte. Er wollte nicht. Als sie fragte warum, sagte er, dass er nicht sterben möchte. Auf jeden Fall nicht an diesem Tag. Er ließ sich nicht überzeugen, mit ihr hinzufahren.

Aber auch uns Erwachsene begleiten neue Ängste. Eine Woche nach den Anschlägen in Paris gab es in Rom zahlreiche Hotelstornierungen, Restaurant-Besitzer meldeten Einbußen von bis zu 60 Prozent. Und vermutlich geht vielen Menschen beim Einsteigen in ein Flugzeug Ähnliches durch den Kopf (wird alles gut gehen?), beim ausverkauften Konzert (wird alles gut gehen?), in der Metro (gehört die Tasche dort drüben eigentlich jemandem?) ….

Wir müssen uns daran gewöhnen, dass überall Polizei ist sagt meine römische Freundin ganz pragmatisch. Auch eine Römerin, die die Metro nehmen muss, um zur Arbeit zu kommen, bleibt entspannt: „Ich habe keine Angst. Warum sollte es gerade mich treffen?“

Bei einer Umfrage unter Deutschen sagten die meisten, sie wollen nicht auf das Reisen verzichten, allerdings will etwa ein Viertel zukünftig bestimmte Länder meiden. Italien gehört nicht dazu.

Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie er oder sie mit einer potentiellen Gefahr umgeht. Aber wie sagte Benjamin Franklin: Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.

Info

Nach den Anschlägen in Paris wurden in Italien die Überwachung religiöser und kultureller Orte verstärkt. In Rom sichern im „Heiligen Jahr“ über 2.000 Sicherheitskräfte 140 als „sensibel“ eingestufte Orte.

Das „Heilige Jahr“ dauert vom 8. Dezember 2015 bis zum 20. November 2016 und wurde vom akutellen Papst als das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ deklariert. Ein Heiliges Jahr – oder auch Jubeljahr genannt – wurde erstmals im Jahr 1300 von Papst Bonifatius VIII. ausgerufen, es sollte eine Zeit „besonderer Gnade und geistlicher Erneuerung sein“ und alle 100 Jahre wiederholt werden. Die Heiligen Jahre finden aber nun in immer kürzen Abständen statt, das letzte im Jahr 2000.

 

 

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