Er ist einer der bekanntesten Cartoonisten Deutschlands. Was viele von Peter Gaymann wahrscheinlich nicht wissen: Er hat fünf Jahre in Rom gelebt. Gerade ist sein neues Buch „Typisch Italienisch“ erschienen. Im Interview erzählt der Künstler, warum Rom eine Stadt der Träumer ist, wo seine Lieblingsplätze sind und warum er das Herumstreunen liebt.

Peter Gaymann: Typisch Italienisch, Belser Verlag

Herr Gaymann, Sie sind für Ihre Cartoons und gezeichneten Hühner bekannt. Sie haben aber auch eine Webseite, auf der Sie Fotos aus Ihrer Zeit in Rom zeigen. Dort schreiben Sie: Rom ist eine Stadt der Träumer. Sind Sie deshalb 1986 von Freiburg nach Rom gezogen?

Ja, es hat schon etwas damit zu tun. Rom hat mich schon fasziniert, als wir mit unserer Schulklasse hingefahren sind. Später war ich fasziniert vom italienischen Kino und den italienischen Schauspielern. Ich war ein unglaublicher Fan von Federico Fellini und habe die Bücher von Pasolini gelesen und Filme geguckt, ich war ein Fan von Rossellini und begeistert von Mastroianni.

Fellini war für mich ein Träumer, der viele schöne verrückte Bilder gemacht hat, der viele Bilder aus seinen Traumsequenzen holte. Wenn man Künstler ist beziehungsweise Cartoonzeichner wie ich, muss man sich das Träumerische bewahren – und trotzdem Realist sein. Rom kommt mir oft wie eine Kulisse vor, fast alles ist Film. Traum und Realität vermischen sich.

Sie waren mit Ihrer Abiturklasse zum ersten Mal in Rom und fühlten sich sofort mit der Stadt verbunden.

Ich hatte nicht das Gefühl in eine fremde Stadt zu kommen, ich hatte immer das Gefühl, hier gehöre ich hin, hier passt es. Ich bin viel gereist, aber Rom war mir seelisch immer am nächsten.

Vor kurzem habe ich einen alten Klassenkameraden getroffen, wir sprachen über die alten Zeiten und er sagte: „Du hast doch mal in Rom gewohnt. Schon damals, als wir mit der Abiturklasse in Rom waren, hast du gesagt: Hier werde ich mal wohnen.“ Ich konnte mich gar nicht daran erinnern. Das fand ich irre, da gab es doch wohl schon eine Seelenverwandtschaft.

Auf Ihrer Webseite zu Rom schreiben Sie auch: Der typische Römer hadert ständig mit seiner Stadt. Zu laut, zu chaotisch, zu korrupt usw., aber käme nie auf die Idee wegzuziehen. Sie sind 1991 – nach 5 Jahren Rom – wieder nach Deutschland zurückgekommen und leben seither in Köln. War Ihnen Rom zu chaotisch?

Der Grund warum wir wieder nach Deutschland gezogen sind, waren innerfamiliäre Diskussionen. Hätten wir keine Kinder gehabt, hätten wir es vielleicht gemacht wie andere Autoren, ein halbes Jahr Rom und ein halbes Jahr Deutschland, aber mit Kindern muss man einen festen Wohnsitz haben und deshalb haben wir uns entschlossen, wieder nach Deutschland zu gehen.

Jetzt sind wir reisemäßig viel da. Ich mag das Großstadtleben, der Lärm macht mir nichts aus, auch nicht der Verkehr. Das Chaotische macht Rom ja aus. Die Römer sagten oft, es wird alles immer schlimmer, chaotischer, ihr Deutschen habt wenigstens mehr Disziplin und kriegt das alles besser hin … die Italiener suchen häufig das, was sie nicht haben. Aber ein Römer würde seine Stadt nie verlassen. Das ist Jammern auf hohem Niveau, das findet man ja in vielen Städten, auch in Köln. Auch hier sagen alle: Früher war alles besser, aber keiner würde wegziehen.

Und warum haben Sie sich Köln ausgesucht und sind nicht zurück nach Freiburg gegangen?

Wir wollten etwas Neues kennenlernen, Köln war ein Experiment. In Köln gibt es ein bisschen italienisches Feeling, die Stadt ist nicht so geleckt und die Kölner sind offen und fröhlich. Jetzt sind wir schon 25 Jahre hier. Allerdings nimmt auch das ein Ende und wir ziehen demnächst wieder weiter in den Süden, nämlich an den Starnberger See. Wir wollen noch einmal etwas Neues ausprobieren. Ich bin – wie damals für Rom – offen für eine neue Location, als Zeichner kann ich ja überall arbeiten.

Ich finde es aber auch immer wieder schön, in mein Haus in Umbrien zu gehen.

Ihr aktuelles Buch „Typisch Italienisch“ ist gerade erschienen. Wieso erst 30 Jahre, nachdem Sie wieder in Deutschland leben?

Es ist nicht mein erstes Buch über Italien, ich habe schon eines gemacht, es heißt „Italien – amore mio“ und ist bei Goldmann erschienen. Jetzt habe ich wieder eines gemacht, weil ich wieder Stoff hatte.

Wenn ich in Italien unterwegs war, habe ich immer Reiseskizzen gemacht, Aquarelle und Studien, Bilder, die nicht im humoristischen Bereich lagen, die werden im Herbst unter dem Titel „P. Gays Reiseskizzen“ veröffentlicht. Die meisten Reiseskizzen darin kommen aus Italien, es gibt aber auch Skizzen aus Frankreich, England und Schweden.

Ich habe auch schon in Montepulciano, auf der Insel Ischia und in Südtirol meine Arbeiten ausgestellt. Wir haben die Bilder mit Untertiteln gezeigt, die Texte ins Italienische übersetzt und dazu gehängt. Das war ganz schön.

Verstehen die Italiener das Huhniversum?

Bei den Bildern die ich zu Italien gemacht habe, konnten die Italiener schon schmunzeln. Es sind ja auch viele Bilder dabei, die die Deutschen in Rom beobachten und wie sie sich dort verhalten.

Früher hatte ich in den Zeitungen La Repubblica und L’Unita hin und wieder Zeichnungen drin, aber es hat sich nicht weiterentwickelt. Ich habe zwar italienisch gelernt und gesprochen, wenn man aber gute Sprechblasen und gute Pointen machen will, muss man die Sprache raffinierter verwenden können, um Bezüge herzustellen. Ich habe mich dann nicht weiter damit beschäftigt, da ich vor allem in Deutschland veröffentlicht habe.

Wo in Rom würden Sie denn gerne einmal Ihre Bilder ausstellen? Vielleicht auch abseits der Vernunft …

Ich sage jetzt aber nicht im Pantheon (lacht). Es gibt in Rom tolle Villen in toller Umgebung, tolle Räume. Eine Ausstellung in Rom wäre sicherlich interessant mit einer deutsch-italienischen Institution wie dem Goethe-Institut oder der Deutschen Schule. Vielleicht ergibt sich das ja einmal.

 

Rom by Peter Gaymann. Cartoon aus seinem aktuellen Buch "Typisch Italienisch".

Rom by Peter Gaymann. Cartoon aus seinem aktuellen Buch „Typisch Italienisch“.

 

Hat sich Rom in den letzten 30 Jahren verändert (außer dass es mehr Japaner gibt)?

Es sind eher Kleinigkeiten. Man merkt zum Beispiel, dass es nicht mehr so streng genommen wird mit der Siesta, dass die Läden in der Innenstadt länger aufhaben und nicht mehr von eins bis fünf alles dicht ist.

Bestimmte Ecken sind mir so vertraut, als würde ich da noch die selben Typen stehen sehen. Ich finde nicht, dass sich so viel verändert hat. Ich lebe aber nicht mehr den Alltag dort. Den habe ich als schön, aber auch als anstrengend empfunden. Wenn ich zum Beispiel meine Arbeiten verschicken wollte, musste ich dies mit der Post tun – was sehr lang dauerte, ich habe dann die Vatikanische Post genommen, damit es ein bisschen schneller geht. Ich bin schon auch mal selbst zum Flughafen gefahren, da war ich eineinhalb Stunden unterwegs, damit ich eine Zeichnung auf direktem Weg zum Flieger bringen konnte.

1987 kam mein Verleger aus Köln und hat mir ein Faxgerät hingestellt, damit ich wenigstens meine Skizzen schnell nach Deutschland schicken konnte.

Oder wenn der Strom ausfiel und das Telefon nicht ging … Wenn man dann gesagt hat, das Telefon geht nicht, dann hieß es, wir kommen in einer Stunde, dann dauerte es drei Tage … Wenn ich zur Bank ging musste ich anstehen, weil die am Schalter erst mal noch ein paar Zigaretten miteinander geraucht haben. Damals hat ja jeder Schalterbeamte noch geraucht, da haben sie sogar in der Apotheke geraucht. Im Kino wurde geraucht …

Wenn man in Rom lebt, sieht man auch die Kleinigkeiten, die nicht funktionieren. Ich musste jedes Jahr meine Aufenthaltsgenehmigung erneuern, stundenlang Schlange stehen, vorweisen, dass ich Geld und eine Wohnung hatte, damit ich da überhaupt leben durfte.

Wenn ich heute nach Rom gehe, bummle ich einfach durch die Straßen und schaue mir Ausstellungen an und besuche meine Freunde. Das genieße ich sehr.

Woran erinnern Sie sich gerne zurück?

Im Kino Farnese auf dem Campo dei Fiori habe ich viele Filme gesehen. Ich bin oft in die Kirchen gegangen und habe mir die Bilder von Caravaggio und anderen Künstlern angeschaut. In Rom zu Wohnen und im Alltag die ganze Kultur um mich herum zu haben, empfand ich schon als Luxus.

Geboren und aufgewachsen sind Sie in Freiburg, ihre Seele, so steht es in Ihrem neuen Buch, sei aber eine italienische. Was tun Sie für Ihre italienische Seele, wenn Sie in Deutschland sind?

Ich gehe zu 80 Prozent meiner Mittagessen hier ums Eck zu Adriano ins Bellavista. Dann gibt es 100 Meter von meinem Atelier entfernt ein italienisches Restaurant, das auch noch Fellini heißt und wo der Chef des Hauses sogar noch für Fellini in Cinecitta gekocht hat. Da hängen viele Bilder aus den Filmen, auch ein Riesenplakat von Amarcord, meinem ersten Fellini-Film Anfang der 70er Jahre.

Wenn ich dort bin, quatschen wir miteinander und erzählen, da kann man das italienische Feeling genießen.

Was macht für Sie das italienische Gefühl aus?

Die Italiener können sich überall niederlassen, in jedem Dorf ob im Harz oder im Bergischen. Du kommst in eine italienische Kneipe, dann ist da immer ein Stück Italien. Es sind aber nicht nur die Menschen. In Deutschland gibt es kaum noch solche Orte wie in Italien, in Umbrien, wo man in die kleinsten Orte gehen kann und immer eine alte Kirche mit tollen Fresken und Kunstwerken, ein altes Stadttor und alte Häuser findet. Du hast da sofort eine andere Atmosphäre. Das hat manchmal auch etwas Archaisches, was einen emotional bindet.

Auf Ihrer Website steht, dass Sie das Herumstreunen in Rom lieben.

Ich bin einer, der ohne Plan losgeht. Mal habe ich Lust auf belebte Plätze, mal auf ruhigere Orte. Ich gehe gerne kreuz und quer, lasse mich treiben, bleibe hängen, trinke was, lese, zeichne wenn mir etwas gefällt. Ich gehe überhaupt gerne ungeplant los, im Gegensatz zu den meisten Touristen.

Letztes Jahr war ich mit meiner Frau in Venedig und wir wollten zu Fuß zur Biennale. Der Portier erklärte uns, wie wir dort hinkommen, gar nicht so schwer. Wir sind losgelaufen, nach zwei Ecken hingen wir schon in einem schönen Buchladen fest, dann gab es eine tolle Kirche, da dies, dort das, abends, eine Viertelstunde, bevor die Biennale zugemacht hat, kamen wir an. Alles war schön, alles war ungeplant.

Im Gegensatz zum Atelier oder zum Büro, kann man sich im Urlaub treiben lassen und dann kommt man in Ecken und Winkel, die man traumhaft findet.

Haben Sie einen Lieblingsplatz in Rom, den Sie immer wieder besuchen müssen?

Früher war es der Campo dei Fiori, wie für viele, aber dort ist es sehr viel lauter und touristischer geworden. Früher gab es da nur eine Vineria, wo wir abends nach dem Abendessen noch unseren Grappa-Absacker getrunken haben. Heute gibt es dort zig Menschenaufläufe, Bars und Restaurants.

Die letzten Male als ich in Rom war, war ich öfter im Jüdischen Viertel, da gab es richtig schöne Ecken, wo es ruhig war und trotzdem eine schöne Atmosphäre. Und dann gefällt mir dieser Platz hinter dem Pantheon, die Piazza di San Eustachio. An diesem Platz ist auch das Café Eustacchio, wo es sehr leckeren Kaffee gibt. Irgendwo zu sitzen, wo nicht der totale Rummel ist, finde ich schön. Um das Pantheon herum ist es toll – und das Pantheon ist der Hammer.

Ihr nächster Rom-Aufenthalt ist schon geplant?

Im Juni bin ich wieder in Rom …

Peter Gaymann …

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wurde in Freiburg geboren und ist sehr bekannt für seine Hühner. Seit 20 Jahren zeichnet er auch Cartoons für die Zeitschrift Brigitte und hat über 70 Bücher veröffentlicht. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt im Moment noch in Köln. Neben seiner Arbeit engagiert er sich unter anderem für deutsche Kinderhospize und für demenzkranke Menschen. Von 1986 bis 1991 hat er in Rom gelebt.

 

 

„Typisch Italienisch“ …

Peter Gaymanns aktuelles Buch „Typisch Italienisch“ ist am 1. Mai 2016 beim Belser Verlag erschienen und ist „eine Hommage an das Land, wo die Zitronen blühen.“ Typisch Italienisch ist eine herrlich ironische Betrachtung von Land, Einheimischen und Touristen. Die liebevoll gezeichneten Cartoons kann man immer wieder anschauen und entdeckt immer wieder etwas zum Schmunzeln.

Bereits 2008 ist „Italien – amore mio“ im Goldmann Verlag erschienen.

Mehr Infos

Wer sich weiter über Peter Gaymann informieren möchte, findet alles zu ihm und seiner Arbeit unter www.gaymann.de

Unter www.gaymann-fotos.de/auf_reisen/auf_reisen.html sind seine Rom-Bilder zu sehen.

Aktuell

In der neuen Unibibliothek Freiburg stellt Peter Gaymann seit Mai 2016 im Erdgeschoß seinen Museumsshop „No sale“ aus. Interessierte können sich die Dauerleihgabe von Mo – Fr 8 – 20 Uhr, Sa 10 – 18 Uhr anschauen. Der Eintritt ist frei. Beachten: Sonntags und an allen Feiertagen ist die UB für Besucher geschlossen.

Ein Interview zur Ausstellung in der UB Freiburg und zu seiner Arbeit gibt’s hier: www.unicross.uni-freiburg.de

 

Fotos: 
Cover / Cartoon "Typisch Italienisch", Peter Gaymann, Belser Verlag
Peter Gaymann: Copyright Julian Gaymann, Köln
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