Die deutsche Journalistin und Autorin Petra Reski lebt in Venedig und schreibt vor allem über die Mafia. In Rom hat sie gerade ihr aktuelles Buch „Palermo Connection“ vorgestellt. Warum sie sich gegen die Mafia engagiert und woher sie den Mut dazu nimmt, erzählt sie im Interview.

 

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Petra Reski las in der Herder Bücherstube in Rom aus ihrem neuen Roman „Palermo Connection“.

 

Seit 1989 beschäftigt sich die deutsche Journalistin Petra Reski mit der Mafia. Nach dem Abitur fuhr sie mit einem Freund nach Corleone, denn dort spielt „Der Pate“, den sie gerade gelesen hatte. Sie wollte sehen, wie eine Stadt aussieht, in der die Mafia regiert.

Zu sehen gab es damals wenig, aber am Thema ist sie drangeblieben und nach einigen Sachbüchern ist nun ihr erster Roman erschienen. „Palermo Connection – Serena Vitale ermittelt“ ist inspiriert von der Geschäftsbeziehung zwischen dem italienischen Staat und der Mafia. Diese enge Verflechtung von Politik und Mafia sei das größte Tabu und die Basis von allem, sagt Petra Reski.

Sie kritisiert, dass Journalisten in den Medien oft ein Bild der „Mafiafolklore“ zeichnen und damit freiwillig oder unfreiwillig die Propaganda der Mafia verbreiten. Gerade weil die Stärke der Mafia darin liege, so zu tun, als wäre sie „eine von uns“, sei sie gefährlich. Von der Mafia, warnt Petra Reski, gehe eine große Bedrohung aus. Auch in Deutschland sei die Mafia aktiv, viel aktiver, als den meisten bewusst sei.

 

Frau Reski, seit 25 Jahren setzen Sie sich mit der italienischen – und seit den Mafiamorden in Duisburg auch mit der deutschen – Mafia auseinander. Sie haben Sachbücher geschrieben, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden sowie zahlreiche Artikel, die in deutschen Medien erschienen sind. Was treibt Sie an?

Als ich begann, mich für das Thema zu interessieren, war auch ich eine Art Opfer der Mafiafolklore, weil ich den Paten gelesen hatte. Ich war für diese Art von Romantik empfänglich, weil ich aus einer großen ostpreußisch-schlesischen Familie stamme, die wie italienische Familienclans auch vom Katholizismus geprägt wurde. Die große Familienkultur war mir vertraut – und damit auch der „amoralische Familismus“, wie die Soziologen das bezeichnen, der ein wesentlicher Punkt der Mafia ist

Mit der Mafia habe ich mich auch später während des Studiums beschäftigt, und als ich 1989 zum ersten Mal als Journalistin nach Palermo ging, bekam ich einen ganz anderen Einblick. Damals herrschte in der Welt eine große Euphorie, es war kurz vor dem Mauerfall, und man hatte das Gefühl, es würde sich endlich etwas bewegen. Wie viele andere dachte auch ich: Wenn die Mauer fallen kann, wenn der Kommunismus niedergerungen werden kann, dann kann die Mafia auch besiegt werden. Das war zu der Zeit als Borsellino und Falcone Staatsanwälte in Italien waren, ein Moment großer Hoffnung.

Über viele Jahre habe ich Artikel über die Mafia geschrieben. Über Mafia-Frauen, über das Verhältnis zwischen Kirche und Mafia, über Mafia und Politik. Dann habe ich begonnen, journalistische Sachbücher darüber zu schreiben.

Als es 2007 in Duisburg zu den Mafiamorden kam, hat man in Deutschland die Mafia entdeckt. Da schrieb ich das Buch ‚Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern‘. Einige Protagonisten meines Buches sind seit 40 Jahren sogenannte „erfolgreiche Unternehmer“ in Deutschland, die waren nicht froh darüber, dass ich über sie geschrieben habe, ebenso wenig wie die mit ihnen verbandelten deutschen Politiker. Die Folge war, dass ich die ganze Härte des deutschen Gesetzes zu spüren bekam. Ich stand vor Gericht und Teile meines Buches wurden geschwärzt, obwohl ich ausreichend Beweise vorgelegt habe. Bei einer Lesung gab es Drohungen gegen mich, die sich weiter fortsetzten. Das war keine schöne Erfahrung, aber sie machte es mir erst möglich, mich in den Seelenzustand meiner Romanfiguren zu versetzen, den ich heute zum Schreiben benötige.

Ein weiteres Sachbuch mit dem Titel ‚Von Kamen nach Corleone‘ habe ich 2010 veröffentlicht, auch um zu zeigen, dass ich nicht die Absicht habe, aufzuhören. Außerdem war ich noch an sehr viele interessante Informationen gekommen, so dass ich dieses zweite Buch einfach schreiben musste.

 

‚Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern‘ wurde ins Italienische übersetzt, auch dort wurden Passagen geschwärzt.

Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt, und es wurde überall geschwärzt, denn niemand wollte natürlich die juristischen Konsequenzen tragen. Das Schwärzen der Passagen war allerdings ein ganz konkreter Angriff auf die Pressefreiheit. Der juristische Standpunkt in Deutschland war, dass die Leute, die ich ohnehin nur als „mutmaßliche Mafiosi“ bezeichnet hatte, ja nicht wegen Mafiazugehörigkeit verurteilt worden seien und deswegen nicht als solche bezeichnet werden könnten.

Aber: In Deutschland gibt es – anders als in Italien – das Strafdelikt der Mafiazugehörigkeit nicht. Deshalb kann so ein Urteil gar nicht vorliegen. Was ich gemacht habe, ist Verdachtsberichterstattung und die betrachte ich als vornehmste Aufgabe des Journalisten. Als Journalist soll man nicht einfach nur bereits erfolgte Urteile wiederkäuen, sondern auf mögliche Probleme in der Gesellschaft aufmerksam machen. Ganz abgesehen davon waren die inkriminierten Stellen mit kiloweisen Ermittlungsunterlagen und staatsanwaltlichen Unterlagen aus Deutschland und Italien belegt. Darüber hinaus waren etliche Zeugen bereit nach Deutschland zu kommen und auszusagen, darunter sogar hochrangige italienische Antimafia-Staatsanwälte Diese wurden alle abgelehnt.

 

Sie wurden von der Mafia bedroht und verfolgt. Woher nehmen Sie den Mut, trotzdem dran zu bleiben?

Das alles hat mich in meiner Arbeit nur bestärkt und meinen Widerstand angestachelt. Ich wollte mich nicht von ein paar Typen abhalten lassen, die dachten, wir wollen mal eine Blondine erschrecken. Ich wollte mich nicht unterkriegen lassen.

 

Hatten Sie keine Angst?

Gerade in der Zeit als ich bedroht wurde, hatte ich natürlich Angst. Und in dem Moment war es natürlich auch nicht so toll, zu begreifen, dass sich in Deutschland viele gar nicht vorstellen können, was diese Bedrohung überhaupt bedeutet. Meine Journalisten-Kollegen in Deutschland haben sich nicht gerade vor Solidaritätserklärungen überschlagen. In Italien hingegen habe ich eine große Unterstützung bekommen, das war für mich auch ein Grund weiterzumachen. Die Tatsache, dass mein Buch geschwärzt wurde, war in Italien ein viel größeres Thema als in Deutschland und ich wurde in zahlreiche Talkshows eingeladen, um darüber zu sprechen.

 

"Palermo  Connection" ist der erste Roman der Schriftstellerin über die Mafia, bisher hat sie Sachbücher darüber geschrieben.

„Palermo Connection“ ist der erste Roman der Schriftstellerin über die Mafia, bisher hat sie Sachbücher darüber geschrieben.

 

Sie sagen, dass die Mafia vor allem als „Folklore“ wahrgenommen wird. Welchen Einfluss hat sie in Deutschland?

Die Mafia hat einen großen Einfluss. Nicht zuletzt der Aufbau Ost wurde von den Geldern der Mafia mitgetragen, die da gewaschen wurden. Darüber möchte kein Politiker reden, und nur wenige Journalisten haben sich dafür interessiert, niemand möchte richtig hinschauen. Die Politiker sprechen so ein Thema nur an, wenn sie das Gefühl haben, dadurch Wählerstimmen zu gewinnen. Die Tatsache, dass kein deutscher Politiker jemals das Wort Mafia in den Mund genommen hat, ist ein großes, wichtiges und ermunterndes Signal für die Mafia, das hat erst kürzlich der sizilianische Staatsanwalt Nino Di Matteo betont.

 

Bisher haben Sie Sachbücher über die Mafia geschrieben, „Palermo Connection“ ist ihr erster Roman. Kann ein Roman mehr erreichen?

Beim Roman kann ich zwei Seelen in meiner Brust vereinigen, die der Schriftstellerin und der Journalistin. Abgesehen von meinen Mafiabüchern habe ich ja auch andere erzählerische Bücher geschrieben, über meine ostpreußisch-schlesische Familien oder über das Leben in Italien. Jetzt habe ich einen Spannungsroman geschrieben, weil ich dadurch die Vorteile des Journalismus mit denen der Literatur verbinden kann: Ich recherchiere, kann mir Sachverhalte erklären lassen und gleichzeitig psychologische Abgründe beschreiben. Und im Roman werden keine Passagen geschwärzt. Louis Aragon bezeichnete das als „Wahr-Lügen“: „Der Schriftsteller enthüllt die Wirklichkeit, indem er sie erfindet“

 

Wie ist die Reaktion auf das Buch in Deutschland?

Die Aufnahme war sehr positiv. Ich merkte, dass sich viele Leute anfangs wunderten, dass ich als Journalistin nun einen Roman geschrieben habe, aber dieser Übergang hat gut geklappt, viele meiner Leser begleiten mich seit Jahren, und sie sind mir auch in dieses neue Abenteuer gefolgt.

 

Petra Reski kam zur Lesung aus Palermo. Dort ist sie Beobachterin eines Mafia-Prozess.

Petra Reski kam zur Lesung aus Palermo. Dort nimmt sie gerade an einem Mafia-Prozess teil.

 

Der Roman spielt in Palermo, Sie kommen gerade aus Palermo, fliegen morgen wieder dorthin zurück. Was verbindet Sie mit dieser Stadt?

Palermo ist in Italien zu meiner zweiten Heimat geworden: Ich habe dort viele Freunde, ich kenne Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Journalisten und Polizisten, viele davon seit Jahrzehnten. Ich kenne die Wirklichkeit und konnte beobachten, wie sich der Umgang mit der Mafia in Palermo in den letzten Jahren entwickelt hat. Die Mafia ist ja nicht nur in Palermo, auch nicht nur in ganz Italien zu finden, sondern hat sich in ganz Europa ausgebreitet. Aber in Palermo hat alles seinen Anfang genommen, die sizilianische Cosa Nostra ist von allen italienischen Mafiaorganisationen die einflussreichste, die mit den längsten und besten Verbindungen bis hin in die höchsten Spitzen des italienischen Staates, und deshalb hat mich das auch am meisten interessiert.

 

Serena Vitale kämpft als Staatsanwältin gegen die Mafia, das heißt, die Protagonistin Ihres Romans ist eine Frau. Warum?

Zunächst dachte ich, es fällt mir leichter über eine Frau zu schreiben, ganz abgesehen davon, dass es in Italien zahlreiche Staatsanwältinnen gibt, mittlerweile sogar mehr Frauen als Männer. Es macht mir Spaß, dieses männlich anmutende Universum gerade mit einer Frau zu brechen. Ich wollte mit Serena Vitale einen weiblichen Lonesome-Rider erschaffen.

 

Wieviel Petra Reski steckt in Serena Vitale?

Maupassant sagte: „Madame Bovary, c’est moi“: Als Schriftsteller steckt man in allen Protagonisten, schließlich hat man sie ja erfunden. Romanfiguren bestehen aus vielen Facetten, aus dem was man erlebt, beobachtet, gehört hat. Petra Reski steckt nicht nur in Serena Vitale sondern auch im Journalisten Wolfgang W. Wieneke, der aus Deutschland angereist kommt, um über die Mafia zu schreiben. Es ist aber kein autobiografischer Roman, wenngleich Serena Vitale auch blond und im Ruhrgebiet aufgewachsen ist. Ich habe sie so gestaltet, damit ich den Bogen zu Deutschland schlagen kann, das Ruhrgebiet ist ja eine Hochburg der Mafia in Deutschland. Deswegen war es für mich naheliegend, diese beiden Aspekte zusammenzubringen. Ich habe italienische Freundinnen, die in Deutschland aufgewachsen sind und heute in Italien leben, einiges von ihnen steckt auch in Serena Vitale

 

Sie sind 1991 nach Italien gezogen, 1992 wurden die Anti-Mafia Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino in Sizilien ermordet worden. In Deutschland war die Mafia weit weg.

Wie hat sich in den letzten Jahren Ihre Sicht auf Deutschland und Italien verändert?

Wenn man lang im Ausland lebt, tendiert man ja dazu, das Heimatland durch eine rosarote Brille zu sehen. Die wurde mir dann von der Nase geschlagen. Ich habe durch meine Recherche in Sachen Mafia in Deutschland ein realistischeres Verhältnis zu Deutschland bekommen. Nicht unbedingt ein schlechteres. Denn ich habe während der Prozesse und Auseinandersetzungen um mein Buch auch viele tolle Leute in Deutschland kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte, Staatsanwälte, Polizisten …

Italien hingegen ist mir sehr ans Herz gewachsen, weil ich hier diese große Solidarität erfahren habe. Obwohl ich Italien vorher schon geliebt habe, hat mir diese Erfahrung das Land noch näher gebracht. Ich habe von wildfremden Menschen solidarische E-Mails erhalten, und meine italienischen Freunde sagten zu mir „Ich bin stolz darauf, dein Freund zu sein“, das hat mich wahnsinnig berührt.

 

Ist Italien ohne Mafia denkbar?

Natürlich ist es denkbar. Wie Falcone sagte, ist die Mafia ein menschliches Phänomen und als solche hat sie einen Anfang und auch irgendwann ein Ende. Aber solange die Mafia weiter so erfolgreich mit der Politik zusammen arbeitet, sehe ich dieses Ende nicht. Hoffnung gibt mir die 5-Sterne-Bewegung, endlich einmal eine Partei, die sich in jeder Hinsicht von der Mafia distanziert. Wobei die Mafia natürlich auch versuchen wird, diese Bewegung zu neutralisieren, und wenn das nicht gelingt, zu unterwandern.

 

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Die Staatsanwältin Serena Vitale wird weiter ermitteln: Die Fortsetzung ist in Arbeit.

 

Der Italiener an Ihrer Seite ist Venezianer und Sie leben in Venedig. Wo in Italien würden Sie sonst leben? In Rom?

Ich habe immer in Großstädten gelebt, in Paris, Berlin, München und Hamburg, so dass ich vermutlich eher nach Rom gezogen wäre. Ich bin vor vielen Jahren nach Venedig gekommen, um Lina Wertmüller zu interviewen, von der Stadt wusste ich nichts. Venedig ist mir passiert. Heute gefällt es mir sehr gut hier zu leben, gerade weil es so klein ist, und dabei trotzdem international. Künstler wie zum Beispiel Donna Leon, Ulrich Tukur, die man in anderen Städten gar nicht so schnell kennenlernen würde, laufen einem in Venedig einfach über den Weg. Mein Herz hängt aber nicht an Venedig, sondern an meinem Mann, und wenn er morgen sagen würde, wir ziehen nach Peking, dann würde ich mitgehen. Allerdings ist das unwahrscheinlich, denn als Venezianer kann er nur mit Blick aufs Wasser leben.

 

Nord – Süd. Was unterscheidet den Venezianer vom Römer?

Beide sind sehr stolz auf ihre große Vergangenheit, aber ich glaube, dass sich die Römer immer noch für den Nabel der Welt halten. Das tun die Venezianer nicht, jedenfalls nicht öffentlich. Vermutlich liegt es auch daran, dass in Rom die ganze Politik versammelt ist, während Venedig in Italien immer schon als eine Art Fremdkörper betrachtet wurde

 

Ihr Lieblingsplatz in Rom?

Die Piazza Navona. Aber es gibt so viele Plätze. Am schönsten finde ich in Rom die Tempel, die schon Piranesi fasziniert haben, das Pantheon zum Beispiel oder den Rundtempel des Hercules Victor, an der Piazza Bocca della Verità. Man kann kaum glauben, dass es diese heute noch gibt.

Petra Reski liest aus Palermo Connection

Petra Reski

… wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte Romanistik und Sozialwissenschaften in Trier, Münster und Paris und besuchte die Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Sie arbeitete unter anderem für den Stern, Die Zeit, Geo und Brigitte. Seit 1991 lebt sie in Venedig. Sie wurde für ihre Arbeiten mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2010 mit dem Emma-Journalistinnenpreis, dreimal war sie für den Kischpreis nominiert.

„Palermo Connection – Serena Vitale“ ermittelt ist im Verlag Hoffmann und Campe erschienen.

Mehr Infos zu Petra Reski und ihren Büchern gibt es auf ihrer Webseite mit Blog www.petrareski.com

Die Herder Bücherstube in Rom

Die Buchhandlung verkauft vor allem religiöse Bücher in deutscher Sprache, aber auch wer einen Romführer oder deutsche Belletristik sucht, kann in die Herder Bücherstube in der Nähe der Engelsburg gehen.

facebook.com/herderbuecherstuberom

 

Fotos: Silvia
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One Response to Eine Frau gegen die Mafia

  1. […] Die Bloggerin Silvia Cavallucci war bei meiner Lesung in Rom und hat ein Interview mit mir geführt, nachzulesen hier: […]

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