Die Rolling Stones live auf dem Circo Massimo – das wollte niemand verpassen. Allerdings war das Konzert schnell ausverkauft und viele stöhnten über die Eintrittspreise. „You don’t always get what you want“ dachten die, die nicht reinkamen – und feierten draußen mit … Über Absperrgitter, tanzende Menschen, viel Spaß und viel Polemik.

 

Gut gesichertes Stones-Konzert.

 

Schon Tage bevor das Konzert auf dem Circo Massimo stattfand, wurde die Stadt Stück für Stück lahmgelegt. Straßen wurden gesperrt, Barrikaden errichtet und am Sonntag selbst war die Metrostation Circo Massimo geschlossen. Das für zunächst 50.000 Zuschauer geplante Konzert war innerhalb von zwei Stunden ausverkauft, woraufhin der Veranstalter noch einmal 20.000 Karten nachlegte. Die Eintrittspreise ab 70 Euro waren aber vielen italienischen Fans in der Krise zu teuer, so dass sie am vergangenen Sonntag schon früh zum Circo Massimo pilgerten und auf ein Guckloch hofften.

Als wir gegen 23 Uhr, etwa zur Mitte des Konzerts, die breite Straße zwischen Kolosseum und Circo Massimo entlangschlendern, tönt uns der bekannte Stones-Sound entgegen und wir beginnen unweigerlich schneller zu laufen. Doch dann die Enttäuschung: Hohe Absperrgitter verhindern jeden Blick auf das Geschehen. Dafür aber: Tausende Menschen, die hier ihr eigenes Konzert feiern. Sie tanzen, singen und klatschen vor historischer Kulisse am Fuße des Palatin.

Um einen Blick auf die riesige Leinwand über die Absperrgitter zu bekommen, stehen die Leute erhöht, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Manche konnten sich einen Platz auf einer hohen Mauer sichern, andere müssen sich an Ampeln festkrallen, hängen an Baumstämmen, balancieren auf Werbeschildern. Junge Männer tragen junge Frauen auf ihren Schultern. Zwei Typen kommen vorbei, ihre Kamera an einer langen Stange befestigt, um über die Absperrgitter zu filmen. Fast scheint es, man hat hier genauso viel Spaß daran, sich einen Blick zu verschaffen, wie an der Musik selbst …

 

 

Auch uns gelingt es endlich, einen Platz auf der etwa ein Meter hohen Absperrung der Straßenbahnhaltestelle zu bekommen. Vorsichtig balancieren wir auf der dicken Metallstange, rechts und links von uns reißen die Leute begeistert ihre Arme nach oben. Und tatsächlich: Da springt Mick Jagger auf der Bühne herum, sein Konterfei ist so groß, wie der Petersdom, der im Hintergrund leuchtet. Was für eine Kulisse! Was für eine laue Sommernacht, eine Nacht, um zu feiern. Vor allem Mick Jagger ist auf der Großleinwand zu sehen, ab und an auch Keith Richards, das Hemd wie in besten Tagen aufgeknöpft bis zum Bauchnabel.

Die Römer und die Touristen, die sich hier versammelt haben, feiern an diesem Abend so generationsübergreifend wie selten: Vom Teenie- bis zum Stones-Alter stehen sie hier Seite an Seite. Allerdings: Keiner gibt freiwillig seinen erkämpften Platz auf. Niemand rutscht auch nur einen Zentimeter zur Seite. Verliert aber jemand die Balance auf den Metallstangen, kommen stützende Hände zur Hilfe. Sobald ein neuer Song beginnt, applaudiert die ausgeschlossene aber spaßbereite Menge, und singt lautstark Refrains mit – mehr Text haben die meisten nämlich nicht drauf. Aber zum Mitklatschen und Hüfteschwingen braucht man keine englischen Songtexte. Textsicherer ist die englische Kleinfamilie rechts neben mir. Stolz präsentieren die Eltern ihrer Tochter, die auf der Metallstange balancierend mit dem Tele Jagger-Fotos fürs Familienalbum knipst, die Helden ihrer Jugend. „So now you are hearing the Stones!“

 

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Die Stimmung brodelt bei der Zugabe „I can’t get no … Satisfaction“. Als zum Abschluss ein kurzes Feuerwerk in den römischen Nachthimmel aufsteigt schreit das Volk dankbar auf und sollte es noch letzte Zauderer gegeben haben, erliegen sie nun auch dem Bann dieses Abends.

Als die Securitys die Absperrgitter zur Seite räumen, geht ein Raunen durch die Menge. Plötzlich rennen die Leute wie ausgehungerte Tigerbabys zur Futterstelle los Richtung Konzertplatz, um endlich, endlich einen freien Blick auf das „Jahrhundertkonzert“ zu erhalten. Alles bleibt aber friedlich, auch als die 70.000 Besucher vom Konzertplatz in die umliegenden Straßen quellen und sich über die ganze Stadt ergießen.

Wir schauen später von oberhalb des Kolosseums fasziniert dabei zu, wie sich eine Menschenwelle Richtung Metrostation walzt, die lange kein Ende finden wird. An diesem Abend fährt die Metro ausnahmsweise länger als bis 23.30 Uhr. Als wir nach Hause laufen, kommt uns in jeder Gasse jemand entgegen, der eine rausgestreckte Zunge auf dem T-Shirt trägt. Die Stadt ist an diesem Abend eine einzige Hommage an alte Herren und alte Zeiten.

Für Polemik sorgt das Konzert allerdings auch. So hat die Stadtverwaltung den Circo Massimo für 7.934 Euro vermietet, also fast umsonst. Sie begründete das damit, dass das eben die üblichen Quadratmeterpreise der Stadt seien und die Stadt vom Rummel um die Herren profitierten. Hotel und Restaurants würden gut besucht und ja, man wisse, dass Mietpreise von 1,45 Euro für den Quadratmeter veraltet seien. Die Kritik ist angebracht: Rom ist so marode und braucht dringend Geld um das römische Pflaster zu flicken, die Kultur zu retten und um der Armut gegenzusteuern.

Immerhin bezahlen die Veranstalter die Müllabfuhr, die Toiletten und sonstige Kosten, die bei einem solchen Konzert so anfallen. Arme trifft es ja nun wirklich nicht: Die Band hat mitsamt der Entourage im Hotel St. Regis übernachtet, wo sie mehrere Stockwerke angemietet hatten und wo eine Suite bis zu 14.000 Euro kostet.

Mick Jagger auf jeden Fall verkündete, er sei glücklich, in Rom zu spielen. Er begrüßte die Fans mit „Ciao Roma (!), ciao Italia“ und war begeistert vom Circo Massimo. Die Repubblica zitiert ihn mit den Worten: „Endlich spiele ich auf einem Platz, der älter ist als ich.“

 

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