Annett ist Tour-Guide in Rom. Als „Deutsche Römerin“ bietet sie zahlreiche Touren an. Bei einem leckeren Aperitivo in der Enoteca Divin Ostilia verrät sie, was man mit ihr erleben kann, was sie nach Rom gebracht hat und wie man als Tourist entspannt durch den römischen Alltag kommt.

Tour-Guide Annett bietet unter dem Namen Deutsche Römerin Touren in Rom an

Annett bietet unter dem Namen Deutsche Römerin Touren in Rom an.

Annett, du bietest als „Deutsche Römerin“ seit März 2015 eigene Rom-Touren an, was kann man mit dir erleben?

Alles. Bei mir kann man alles buchen. Es gibt Leute, die buchen bei mir zum Beispiel fünf Tage, dann stelle ich ein Programm für sie zusammen. Das heißt Stadtbummel in den kleinen Gassen, Tipps geben, wie man sich verhalten muss oder was man abends so macht … Oder eben die klassischen Touren durchs Kolosseum, den Vatikan, den Petersdom.

Gerade hatte ich eine Gruppe, mit der ich mehrere Fiat 500 ausgeliehen habe und dann sind wir fünf Stunden mit diesen Autos herumgefahren. Oder wir machen eine Vespatour, bei der wir Mitfahrer sind, da hat man einen Heidenspaß. Ich mache das gemeinsam mit einem deutschen Kollegen. Wir holen die Leute am Hotel ab und dann gehts los.

Man kann sich auch selbst eine Vespa ausleihen, da Roms Verkehr aber so chaotisch ist, ist es viel entspannter mitzufahren. Wir haben unsere Fahrer, da setzt man sich hinten drauf und dann fahren wir zum Orangengarten oder zum Gianicolo hoch, zum Pantheon oder schauen uns die Streetart in Testaccio an. Mit der Vespa schafft man in drei Stunden so viel in Rom. Außerdem kann man die Vespa überall abstellen, das ist Weltklasse.

Ich organisiere Pferdekutschen-Touren, Segway-Touren, Touren über die Piazza Navona, Touren nach Tivoli …. und auch große Events für Firmen.

Ich arbeite auch für Agenturen in Rom und biete nun auch Rom an einem Tag für Kreuzfahrer an.

Meine eigenen Touren finden auf Deutsch statt. Die Agenturen vor Ort fragen mich auf Englisch an. Unter dem Namen Rome-for-Kids mache ich auch Privat-Touren für Kinder, ebenfalls auf englisch.

Du bist mit einem Römer verheiratet, den du auf Santo Domingo kennengelernt hast.

Ich brauchte damals dringend eine Auszeit von meiner Arbeit als Hotelmanagerin und habe am letzten Abend auf Santo Domingo meinen jetzigen Mann kennengelernt. Er war dort auf einem Zahnärzte-Kongress und sprach kein Wort Englisch und ich kein Wort Italienisch. Wir hatten noch schnell Telefonnummern ausgetauscht und er lud mich ein, ihn in Rom zu besuchen.

Wir schrieben uns SMS und haben uns quasi über die Nachrichten kennengelernt. Er hatte einen Freund, der auf Englisch übersetzen konnte, ich habe im Wörterbuch Wort für Wort übersetzt. Er kam nach Frankfurt, ich nach Rom, das haben wir ein halbes Jahr lang so gemacht und dann irgendwann habe ich zu meinem Chef gesagt, so basta, ich ziehe jetzt nach Italien.

Er gab mir sechs Wochen Zeit und sagte, dass ich zurückkommen kann, wenn es mir nicht gefällt. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und bin geblieben.

Ich dachte, ich finde auf jeden Fall etwas in der Hotellerie. In Deutschland hatte ich viele Jobangebote, aber in Italien war es für mich unmöglich einen Job zu finden. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie schwierig das in Italien ist, ich dachte, das sei wie in Deutschland mit der Jobsuche, wir sind ja hier in Europa.

Ich habe eine Sprachschule besucht und über 60 Bewerbungen an Hotels geschickt. Nicht ein Hotel hat mir zurückgeschrieben. Aus Deutschland riefen mich Headhunter an und boten mir Direktorenstellen an. Ich wollte aber hier bleiben und bin dann irgendwann von Bar zu Bar gegangen und habe gefragt, ob sie Kellner suchen. Ich habe einen Pub gefunden, der mich für fünf Euro die Stunde genommen hat. Mir war klar, jetzt bin ich wieder das letzte Glied in der Kette, aber ich wollte unbedingt arbeiten.

Da ich ständig nachts gearbeitet hatte, sahen mein Mann und ich uns kaum noch. Zu Silvester gab es einen Riesenstreit und wir beschlossen, uns zu trennen. Dann habe ich festgestellt: Ich bin schwanger. Und so haben wir uns wieder zusammengerauft und nun lebe ich seit 11 Jahren in Rom und wir haben zwei Jungs.

Du bietest deine Touren vor allem für Deutsche an. Welche Frage hörst du am häufigsten von deutschen Touristen?

Ob ich Deutschland vermisse.

Das tue ich nicht. Für mich wäre es sehr schwierig wieder nach Deutschland zurückzugehen.

Ich mag Italien. Ich mag das Parken in der zweiten Reihe, ich mag das Chaotische in der Stadt. Ich habe mir eine Vespa geleistet und mit der Vespa gehörst du auf einmal dazu, du bist ein Teil des Ganzen. Ich habe keine Angst vor dem römischen Verkehr, ich verstehe ihn. Du musst einfach mit dem Chaos mitgehen.

Im Colosseum kenne ich jeden. Die Polizisten sagen zu mir „Nette, wann gehen wir mal wieder Aperitivo machen?“. Das würde mir in Deutschland nie passieren, dass ich mit einem Polizisten so warm werde.

Ich fühle mich in Rom einfach zuhause.

Du bist ständig in Kontakt mit Menschen, die zum ersten Mal nach Rom kommen. Wovor haben Touristen am meisten Angst?

Vor Taschendieben und Touristenfallen.

Ist das berechtigt?

Jein. 95 Prozent der Menschen in Rom sind tolle Menschen. 5 Prozent versuchen schon dich abzuzocken. Ein gutes Beispiel waren die Gladiatoren vor dem Colosseum. Ein großer Teil von ihnen hat tolle Fotos gemacht und sich dafür bezahlen lassen, ein kleiner Teil von ihnen hat die Touristen abgezockt – deshalb mussten dann alle gehen. Jetzt sind sie aber wieder da.

Wenn man als Tourist ein paar Regeln beachtet, kommt man in Rom aber ganz gut klar.

Was empfiehlst du?

Ich empfehle zum Beispiel immer, eine Seitenstraße weiterzugehen, wenn man etwas essen oder trinken möchte. Klar, wenn man mal auf der Piazza Navona sitzen will, dann zahlt man eben 10 Euro für einen schlechten Aperol Spritz, aber dann saß man eben da, weil man sich das gönnen wollte. Die netten Lokale sind aber zwei, drei Seitenstraßen weiter.

Höre nie auf Empfehlungen im Restaurant. Wenn das auf der Speisekarte als Besonderheit steht, dann kann man das schon bestellen, wenn aber der Kellner sagt, heute empfehle ich dieses und jenes, dann würde ich dem nicht unbedingt folgen, sondern etwas aus der Karte auswählen. Das sind sonst Sachen, die wegmüssen oder es werden Weine verkauft, die teuer sind oder keiner trinkt.

Auch wichtig ist, die Rechnung zu kontrollieren. Oft stehen eben mal ein paar Euro mehr drauf – aber das passiert auch bei den Einheimischen. Die Römer kontrollieren nämlich die Rechnung nie und machen immer alles „alla romana“. Das heißt, es gehen 10 Leute zusammen essen und dann kommt die Rechnung und alles wird durch die 10 Leute geteilt, niemand kontrolliert, ob die Rechnung stimmt.

Auf was sollte man sonst noch achten?

Niemals illegale Taxis nehmen, immer zu den offiziellen Taxiständen gehen! Auch schon vorher mal fragen: How much is it round about to the Vatican? Denn sonst kann es passieren, dass irgendwelche Umwege gefahren werden und es dann natürlich mehr kostet.

In Restaurants auf jeden Fall vorher die Speisekarte lesen und darauf achten, ob es zum Beispiel einen Serviceaufschlag gibt oder wieviel für Brot und Gedeck berechnet wird. Wenn es nirgendwo stand, darf es auch nicht auf der Rechnung auftauchen und da kann man ruhig mal einen Aufstand machen und im schlimmsten Fall damit drohen, die Polizei zu rufen.

Rom hat viele Sehenswürdigkeiten. Welche wollen alle Besucherinnen und Besucher sehen?

Das Kolosseum und den Vatikan.

Wir haben in Rom so schöne Museen, da ist kein Mensch drin … Die Sixtinische Kapelle ist immer überfüllt und sie jagen die Gruppen nur so durch.

Tipp: Tickets vorbestellen und auf eigene Faust reingehen oder einen privaten Tour-Guide mieten, der die Sachen erklärt, die einem interessieren. In Museen empfehle ich einen Audioguide.

Beim Stadtbummel und bei gewissen Kirchen oder beim Kolosseum und dem Palatin, sollte man aber auf jeden Fall eine Tour mitmachen, das ist auch mit Audioguide zu unübersichtlich. Wir Guides bringen die Leute an coole Plätze und zeigen Sachen, die man sonst nicht sieht. Man sollte schauen, dass man eine kleine Tour findet, mit maximal 12-13 Leuten.

Du weißt sehr viel über die Geschichte Roms. Was ist denn deine liebste Geschichte aus der Geschichte?

Es gibt viele faszinierende Geschichten in dieser Stadt. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan der Antike. Aber es gibt viel Spannendes zu erzählen was kein Mensch weiß: Zum Beispiel wie Italien sich wiedervereinigt hat, auch bei den Papstgeschichten wissen viele nicht, dass es reiche Familien waren, dass es um Macht ging, wie die Päpste sich untereinander gehasst haben …

Ich mag die Details und die versteckten Ecken, ich mag es, Menschen zu begeistern. Ich sage den Leuten „Verlauf dich mal“ und wenn es keine riesigen Gruppen sind, sondern wenn man zu zweit unterwegs ist, dann traut euch zu fragen, ob ihr mal in die Hinterhöfe schauen dürft. Du entdeckst die tollsten Sachen, eine alte Wasseruhr, eine alte Statue … In Rom kann man nichts falsch machen.

Ich habe auch eine Leidenschaft für Künstler wie Caravaggio, Michelangelo oder unbekanntere Künstler wie Benvenuto Cellini, der auf der Engelsburg gelebt hat. Mich interessiert, wie sie mit den Päpsten klargekommen sind und wie sie gelebt haben.

Außerdem faszinieren mich die Geheimnisse des Vatikans, die Kulte der Religionen, der Mechanismus der Firma Kirche … Rom ist unergründlich und in Rom finde ich an jeder Ecke etwas Besonderes.

Bei meinen Touren müssen die Leute mitmachen. Ich stelle ganz viele Fragen, damit jeder etwas damit anfangen kann. Bei Kindern versuche ich immer, sie miteinzubeziehen. Ich möchte, dass sie die Geschichte verstehen, wir versetzen uns in die Zeit, wie war das damals, welche Mechanismen gab es, welche Hilfsmittel hatten die, so dass sie sich das auch merken können. Eine Geschichte sollte man leben. Es gibt viele Familien, die mich buchen und danach sagen die Eltern, Mensch, da hören meine Kinder endlich mal drei Stunden zu.

Ich rede auch mal über Hollywoodfilme, um den Bezug herzustellen. Ich stelle mich auf die Gruppe ein und schaue was passt. Wer in einer Gruppe unterwegs ist, möchte eine gute Zeit haben. Deshalb holen wir auch mal ein Eis oder setzen uns für eine Pause in den Schatten. Ich will eine Verbindung aufbauen, ich möchte auch gerne wissen, was die Leute machen. Ich will nicht reich werden, ich will keine Agentur aufbauen, nur um große, stupide Touren zu verkaufen. Bei mir soll alles möglich sein und das will ich mit meinem Namen ausdrücken.

Du kennst viele historische Orte in Rom und bist dort täglich unterwegs. Wo ist dein Lieblingsplatz in Rom?

Ich bin sehr gerne abends am Brunnen in Monti. Und die Weinbar hier von Stefano, ist quasi mein zweiter Wohnsitz. Hier treffe ich auch meine Guide-Kollegen und manchmal gehen wir dann ums Eck nach Monti und da sitzen wir am Brunnen und quatschen bis morgens um drei Uhr. Das verbinde ich mit Sommer.

Die Weinbar ist toll. Stefano macht viele kleine Sachen wie zum Beispiel Bruschette, die du sonst nirgendwo bekommst. Mit Avocado und Scamorza, Trüffel und Mozzarella, Guanciale … Es ist supernett hier und obwohl wir hier so nah am Kolosseum sind, hat er gute Preise.

Aber ich liebe es auch, einfach auf meinem Balkon zu sitzen und einen Aperol Spritz zu trinken

Infos

Alle Infos und ein Überblick über die Touren von Annett gibts unter www.deutsche-römerin.de

Ticket-Tipp von Annett:

Tickets nur über die offizielle Website buchen: biglietteriamusei.vatican.va/musei/tickets/

Annetts Lieblingsplätze:

Brunnen in Monti, Monti bei CiaoRomaBlog: Das hippe Dorf

Stefanos Weinbar: Die Enoteca Divin Ostilia, Restaurant und Weinbar

 

Foto: Silvia

 

 

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2 Responses to Verlauf dich mal!

  1. elma sagt:

    Ich war so oft in Rom- glaube so ca 10 Wochen- habe viel gesehen und schade dass ich Annett nicht kennenlernen konnte!
    Rom ist einfach fantastisch- immer entdeckt man Neues!
    Ein toller Bericht und ein schöner Blog
    LG
    Elma

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